Lectorix' Buchstabensuppe

… was mich halt beschäftigt…

Eingeschränkter Radius

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Zum Arzt geht man, wenn man krank ist…  Oder befürchtet, krank zu werden. Wie wichtig der Dorfarzt allerdings auch zu heutigen Zeiten für die Kommunikation im Allgemeinen und die Lokalpolitik sowie die örtliche High Society im Speziellen ist, weiß ich erst seit gestern.

Naja, eigentlich weiß ich es bereits seit über zehn Jahren, als ich in einer ostfriesischen Landarztpraxis zwei Jahre als Ärztin arbeitete, aber da war ich nur einmal im Wartezimmer und das war vor meiner Einstellung.
Gestern aber zum ersten Mal in Niederbayern in einer Praxis, die wegen der Ferienzeit gleich für zwei oder drei andere Praxen Vertretung machte. Auch ich kam eher ungeplant, rechnete mit einer langen Wartezeit, dachte vorübergehend an ein wenig Arbeit über mein Tablet – ja, vorübergehend.
Denn kaum eine Viertelstunde nach Eintreffen wusste ich unfreiwillig nicht nur über die Arbeitsweise des Arztes Bescheid (gründlich, freundlich, a Zuagroasta, aber eben auch lange Wartezeiten), sondern auch über die Malaisen des Publikums. Eigentlich der heutigen Kommunikation gar nicht unähnlich: bei Facebook checkt man beim Arzt ein, damit jeder einem fragt, was einem fehlt und man virtuell gehätschelt wird. Hier kommt man zur Tür rein und wird von der Dorfgemeinschaft gleich gefragt, warum man hier ist. Doch, ich war schwer beeindruckt, insbesondere von einem berenteten Landwirtsehepaar in klassischer Hierarchieform, wo sie zum Doktor musste und er sich nebenan langweilte, da er nur der Fahrer war. Sie weigerte sich auch in jüngeren Jahren standhaft den Führerschein zu machen – wo er ihr doch dass Fahren schon beigebracht hätte. Aber nein, jetzt muss er sie immer fahren… Und außerdem hätt‘ er gestern das Brot selbst holen sollen, weil sie dann über den Bordstein gestürzt sei…
Der Traum einer jeden modernen Frau – insbesondere wo er dann richtig vom Leder zog, als sie dann im Sprechzimmer war. Ich für meinen Teil war zu schockiert allein von der Tatsache, dass es in einem Kaff ohne adäquaten Anschluss an den ÖPNV tatsächlich möglich ist, ohne Führerschein auszukommen. Aber gut, sie haben Viehwirtschaft betrieben, da muss man nicht groß weg. Für mich dennoch undenkbar – meine beiden Großmütter fuhren Auto, meine Mutter sowieso und für mich war der Führerschein der wesentliche Faktor in die Unabhängigkeit, da ich in genauso einem Dorf ohne Bus am Abend aufwuchs.
Dennoch, wenn ich es überlege – auch in meinem Alter gibt es Frauen, die sich in Sachen Fahren nahezu komplett auf den Partner verlassen. Auch da war ich erstaunt, hab aber nicht groß darüber nachgedacht – gestern war  ausreichend Zeit. Und wenn ich mir dieses Ehepaar noch mal ins Gedächtnis rufe, puhhhh, sie sah trotz der Zerrung wesentlich gesünder aus. Hoffen wir also, dass die Enkelinnen ausreichend Zeit und Fähigkeit haben, sie dann zu fahren, wenn es im aktuellen Setting nicht mehr geht.

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